Sonntag, 25. Dezember 2011

Das Märchen vom Kerzenlicht







Nein, das hatte es noch nicht gegeben. Eine Kerze, die nicht brennen wollte, war absolut einmalig. Es herrschte grosse Aufregung unter den Kerzen im Wohnzimmer - zumal bald Weihnachten gefeiert werden sollte und die Kerzen mit ihrem festlichen Glanz die Dunkelheit verwandeln wollten.

Eine alte, erfahrene Kerze bot sich an, mit der kleinen zu reden. „Nein, ich möchte nicht brennen", antwortete die Kleine störrisch. „Wer brennt, verbrennt recht bald, und dann ist es um ihn geschehen. Ich möchte bleiben wie ich bin, so schlank, so schön und so elegant."

„Wenn du nicht brennst, bist du tot noch bevor du gelebt hast", antwortete die Alte gelassen. „Dann bleibst du auf ewig Wachs und Docht, und Wachs und Docht sind nichts.
Nur wenn du dich entzünden lässt, wirst du, was du wirklich bist."

„Na, da danke ich schön", entgegnete die Kleine ängstlich. „Ich möchte mich nicht verlieren, ich möchte lieber bleiben, was ich jetzt bin. Gut, es ist etwas langweilig und manchmal etwas dunkel und kalt, aber es tut noch lange nicht so weh wie die verzehrende flackernde Flamme."

„Man kann es eigentlich nicht mit Worten erklären, man muss es erfahren", antwortete die Alte rätselhaft. „Nur wer sich hergibt, verwandelt die Welt, und indem er die Welt verwandelt, wird er auch er selbst. Du darfst nicht über das Dunkel und die Kälte klagen, wen du nicht bereit bist, dich anstecken zulassen." Da ging der kleinen Kerze plötzlich ein Licht auf. „Du meinst, man ist das, was man von sich herschenkt?"

„Ja", antwortete die Alte. „Man bleibt dabei nicht so schlank, so schön und so elegant. Man wird gebraucht und gerät auch etwas aus der Form. Aber man ist mächtiger als jede Nacht und alle Finsternis der Welt."

So geschah es, dass die kleine Kerze ihren Widerstand aufgab und sich entzünden liess. Je mehr sie flackerte, umso mehr verwandelte sie sich in reines Licht und strahlte, als gelte es die ganze Welt zu erwärmen und alle Nächte hell zu machen. Wachs und Docht verzehrten sich, aber ihr Licht leuchtet bis auf den heutigen Tag in den Augen und Herzen all der Menschen, für die sie brannte.
c: Ulrich Peters

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